Wird alles gut...

Familiendramen , soaps,  Fernsehseifenopern sind sehr beliebt, genauso wie Krimis, die ja auch oft dramatische, tragische Schicksale von Einzelnen oder Familien schildern.

Es geht unter die Haut, wie das Leben Menschen mitspielt.

Selbst diese fiktiven Geschichten gehen unter die Haut, weil wir wissen, es gibt zahllose reale Schicksale, die sich nicht sehr unterscheiden von diesen erfundenen.

Reale Familiendramen, die wir selber durchleben und durchleiden müssen.

 

In den fiktiven Geschichten im Fernsehen wird die Frage nach Gott höchst selten gestellt. Wo ist Gott in diesen Lebensgeschichten, die durchzogen sind von den Fragen nach Schuld, Leid, Liebe, Eifersucht und Tod ?

Was hat er mit diesen ganzen Erfahrungen, mit diesem ganzen Geschehen  zu tun ? Wo ist Gott in meinem Leben, wie handelt er in meinem Leben ?

 

Unser heutiger Predigttext steht am Ende eines großen Familiendramas, eines der  in der Bibel am ausführlichsten erzählten überhaupt.

Es ist das Familiendrama von Joseph und seinen Brüdern.

Es berührt bis heute Menschen stark, weil es eben aus dem Leben gegriffen ist.

Es wurde deshalb schön öfters  in Musicals in Szene gesetzt, auch schon auf der Bühne der Passionsspiele in Oberammergau in ein Theaterstück umgesetzt.

Thomas Mann schon hat es in Romanform zu einem Klassiker der deutschen Literatur gebracht.

Wie in unserer Zeit handeln die meisten an dieser Geschichte beteiligten Personen lange Zeit so, als gäbe es Gott gar nicht, als habe auf unserer Erde nur der Mensch das Sagen und das letzte Wort.

Dass und wie Gott selber handelt, wie er führt in den verschlungenen Wegen der Menschen, macht auch der Erzähler dieser alttestamentlichen Geschichte erst am Ende deutlich.

Da heißt es in 1.Mose 50:

Die Brüder Josefs aber fürchteten sich, als ihr Vater gestorben war, und sprachen: Josef könnte uns gram sein und uns alle Bosheit vergelten, die wir an ihm getan haben.

Darum ließen sie ihm sagen: Dein Vater befahl vor seinem Tode und sprach:

So sollt ihr zu Josef sagen: Vergib doch deinen Brüdern die Missetat und ihre Sünde, daß sie so übel an dir getan haben. Nun vergib doch diese Missetat uns, den Dienern des Gottes deines Vaters! Aber Josef weinte, als sie solches zu ihm sagten.

Und seine Brüder gingen hin und fielen vor ihm nieder und sprachen: Siehe, wir sind deine Knechte.

Josef aber sprach zu ihnen: Fürchtet euch nicht! Stehe ich denn an Gottes Statt?

Ihr gedachtet es böse mit mir zu machen, aber  Gott gedachte es gut zu machen, um zu tun, was jetzt am Tage ist, nämlich am Leben zu erhalten ein großes Volk.

So fürchtet euch nun nicht; ich will euch und eure Kinder versorgen. Und er tröstete sie und redete freundlich mit ihnen.

(1.Mose 50,15-22)

Fürchtet euch nicht !   Gott gedachte es gut zu machen !

Das hört sich vielleicht für manche leicht dahingesagt an, die sich gerade noch mitten in einem tiefen Loch befinden, noch mitten drin in dem Drama der eigenen Lebensgeschichte.

Wenn wir dieses zweimal wiederholte „Fürchtet euch nicht !“ hören, dürfen wir nicht vergessen, dass diese Gewissheit „Gott gedachte es gut zu machen“ für den Joseph und für seine Brüder am Ende einer langen und verschlungenen Geschichte voller Leid und Schulderfahrungen stand.

Aus dem Mund eines Menschen, der selber durch Tiefen gegangen ist, der dazwischen  im wörtlichen Sinn zweimal im tiefen Loch gesteckt war, klingt dieses „Fürchtet euch nicht !“ sicher glaubwürdiger und überzeugender als von einem, der selber noch nie  Leid erlebt hat.

 

Gott möchte uns durch diese äußerst dramatische und großartige Lebensgeschichte des Joseph und seiner Brüder aber gerade dann dieses „Fürchtet euch nicht !“  aus dem Mund des Joseph zurufen,

wenn wir in unserem Leben gerade nicht an einem happy end eines Lebensabschnitts stehen,

sondern wenn wir noch mitten drin sind in den unüberschaubaren Irrungen und Wirrungen unseres Lebensweges.

 

Die Lebensgeschichte des Joseph war ja ein einziges auf und ab gewesen.

Zuerst der bevorzugte Lieblingssohn des Vaters.

Dann das Opfer der eifersüchtigen Brüder.

Fast hätten sie ihn getötet.

Er wurde ins Ausland als Sklave verkauft.

Dann arbeitete er sich hoch bis zum obersten Verwalter des Potifar mit einer hohen Vertrauensstellung.

Aber dann wurde er verleumdet von dessen Frau. Aussage gegen Aussage. Keine Chance. Der Sklave wurde wegen angeblichen sexuellen Übergriffen ins Gefängnis geworfen.

 

Ob er da immer so zuversichtlich war in dieser ganzen Zeit im Gefängnis ? Oder ob er nicht auch an Gottes Gerechtigkeit und Güte gezweifelt hat zwischendurch.

Ob er dort ganz unten jederzeit die Gewissheit hatte: Gott wird am Ende alles gut machen ?

 

Aber er vertraute Gott, er stellte seine Gabe, die Gott ihm auch im Gefängnis gegeben hatte in den Dienst seiner Mitmenschen. Er deutete ihnen ihre Träume.

 

Aber dann hat er die Undankbarkeit des Mundschenks erfahren, der einfach lange Zeit sein Versprechen vergessen hat, ein gutes Wort für ihn einzulegen, als er aus dem Gefängnis entlassen wurde.

Undank ist der Welt Lohn, aber Gott hat Joseph nicht vergessen.

Durch die Träume des Pharao erinnert der Mundschenk sich doch wieder an Joseph.

Joseph bekommt von Gott wieder die Gabe der Traumdeutung, und im Gespräch mit dem Pharao weist er diesen auch darauf hin, dass seine Gabe von Gott kommt.

Und er wird vom Pharao erhöht , er darf zur Rechten des Königs als sein Stellvertreter sitzen mit der höchsten Macht neben dem Pharao.

„Also hat ihn Gott erhöht und hat ihm den Namen gegeben, der über alle Namen ist, damit im Namen Jesu sich beugen müssen aller derer Knie, die im Himmel und auf Erden und unter der Erde sind.“ So heißt es im Philipperbrief später von Jesus.

Joseph eine Vordeutung Jesu in vielen Zügen seines Lebensschicksals.

 

Und dann kommt die ergreifende Szene, als seine Brüder nach Ägypten kommen und um Hilfe bitten. Als er sie auf die Probe stellt und erleben darf, dass sie sich geändert haben.

Als er weinen muss vor Freude und Glück bei ihrem Wiedersehen und wegen der Liebe, die sie nun gegenüber ihrem jüngsten Bruder Benjamin zeigen.

 

Gott hält die Fäden auch unseres Lebens in der Hand,

und auch wenn wir oft das happy end noch nicht sehen,

dann sieht er es schon und kann aus dem Schlechtesten doch noch Gutes entstehen lassen.

 

Joseph hörte keine akustische Stimme von Gott, er wurde nicht durch übernatürliche Wunder gerettet, er wurde nicht von Leid verschont.

Aber Gottes Handeln war unsichtbar immer im Spiel,

selbst durch die bösen Absichten der Brüder am Anfang,

selbst durch die  Verleumdung durch Potifars Frau hat Gott am Ende Gutes entstehen lassen.

 

Dass Gott auch durch Leid und Tod hindurch uns zu einem guten Ende führt, das gilt sicher auch für Ereignisse in unserem Leben wie Krankheit und Tod von lieben Menschen,

wo wir oft auch mittendrin noch keinen Ausweg zu einem guten Ende sehen können

 

Aber das gilt eben auch und besonders hier in der Josephsgeschichte auch für das Drama von Schuld, von menschlicher Bosheit, mit der sich die Menschen das Leben gegenseitig schwer machen.

Auch diese Tiefen der Schuldverstrickung müssen keine Sackgasse sein. Auch wenn sie noch so aussichtslos erscheinen.

 

Joseph und seine Brüder dürfen je auf ihre Weise die Macht der Gnade Gottes erfahren.

 Die Brüder haben ja schon Josephs Vergebung erfahren, Joseph hätte sie ja schon als sie das erste Mal in Ägypten bei ihm um Hilfe baten, töten lassen können.

Aber die alte Schuld sitzt noch tief im Gewissen der Brüder.

Als der Vater Jakob gestorben ist, bekommen sie Zweifel, ob Joseph sie nicht doch nur um des Vaters Willen geschont hat, solange dieser noch lebte.

Es heißt:

Die Brüder ließen ihm sagen. Es ist für sie immer noch ein schwerer Schritt selber Auge in Auge ihre Schuld vor Joseph zu bekennen.

 

Es heißt Joseph weinte, als er hörte, dass die Brüder an der Vergebung zweifeln.

Er merkt: Schuld wirkt lange nach, verunsichert und belastet Beziehungen zwischen Menschen noch lange.

 Es ist auch heute so:

Wenn die Eltern gestorben sind, besteht die Gefahr, dass alte Geschichten wieder hervorgeholt werden. Erbstreitigkeiten sind oft die Folge.

Die Familie zerstreitet sich und trennt sich für immer.  

 

Hier passiert das nicht, sondern die Familie wohnt weiter in Eintracht zusammen.

Aber dazu ist eben Bitte um Vergebung, Eingeständnis der Schuld nötig. Die Brüder sprechen ihre Schuld aus und Joseph vergibt ihnen von Herzen.

Er weiß in seinem Herzen, dass er auch nicht völlig schuldlos ist an den früheren Ereignissen. Auch er hat Fehler gemacht. Er war anfangs nicht klug. Er stellt sich unter Gott, obwohl er jetzt der zweitmächtigste Mensch auf Erden ist.

Wenn er der Versuchung nicht widerstanden hätte, sich selbst zu rächen, sich nun über oder an die Stelle Gottes zu setzen, wäre die Beziehung zu seinen Brüdern nie wieder heil geworden.

Joseph erlebt Heilung der Familienbeziehung, weil er alles Gott anheim stellt. Weil er schon vergeben hat, als die Brüder ihn noch gar nicht um Vergebung gebeten haben.

Die Macht der Gnade Gottes wird durch das Vergeben des Joseph und  später durch die Bitte um Vergebung und Bekenntnis der Sünde in Kraft gesetzt.

Wenn wir uns gegenseitig vergeben und unsere Schuld eingestehen, dann kann die Macht der Gnade Gottes auch unsere Beziehungen heilen, dann kann es auch bei uns zum happy end kommen.

 

Bonhoeffer hat es einmal so ausgedrückt mit einer inzwischen schon sehr bekannten Formulierung:

"Ich glaube, dass Gott aus allem, auch aus dem Bösesten, Gutes entstehen lassen kann und will.

 Dafür braucht er Menschen, die sich alle Dinge zum Besten dienen lassen...

Ich glaube, dass auch unsere Fehler und Irrtümer nicht vergeblich sind, und dass es Gott nicht schwerer ist, mit ihnen fertig zu werden als mit unseren vermeintlichen Guttaten."

 

Wo wir in unserem Leben Leiderfahrung, Unrechtserfahrungen, Unverständnis mit Gottes Wegen, eigene Schuld Gott anheim stellen, da wird dieses Wunder geschehen.

Fürchtet euch nicht !  Gott gedenkt es gut zu machen.