Nachmachen erwünscht

Neulich auf dem Schulhof hat sich eine Grundschülerin den Spaß gemacht, mir alle Bewegungen, die ich gemacht habe nachzuahmen.

Das war ein Spaß, aber Nachahmen ist ja auch ernsthaft die Methode, etwas von einem anderen dazuzulernen, sich abzuschauen und dann selber auszuprobieren und einzuüben.

In der Schule macht der Lehrer im Unterricht vor, wie eine Aufgabe gelöst wird und die Schüler sollen es dann nachahmen, dass sie es allmählich selber können.

In der Wirtschaft gibt es Produkte, die Betriebe anderen in der Herstellung nachahmen. Das ist dann weniger erwünscht oder erlaubt.

Manche machen das aber trotzdem und oft sind die Produkte dann kaum zu unterscheiden.

Kinder ahmen ganz unbewusst sehr viel ihren Eltern nach, einfach weil sie viel mit ihnen zusammen sind und Angewohnheiten und Verhalten übernehmen.

Durch das gelebte Vorbild lernen Kinder oft mehr als durch Worte.

Deshalb hat es gar keinen Sinn, wenn Eltern ihren Kindern irgendetwas sagen, wie sie sich verhalten sollen, dann aber selber es ganz anders vorleben.

Manchmal ist es Eltern vielleicht sogar peinlich, wenn sie merken, welche schlechten Angewohnheiten ihre Kinder ihnen nachahmen.

Andere Verhaltensweisen schauen sich Kinder ihren Freunden ab.

„Der macht das doch auch so !“ „Der darf das doch auch!“

Das hören Eltern öfters in Diskussionen mit ihren Kindern.

Und die Standardantwort von meiner Mutter war, als ich Kind war:

„Du springst ja auch nicht aus dem Fenster, wenn es ein anderer vormacht.“

Das heißt, man muss sich schon gut überlegen, was man wem nachmacht, nicht alles ist automatisch gut.

 Werdet Nachahmer Gottes als geliebte Kinder !

So fordert uns Paulus im Epheserbrief  ( Kapitel 5,Vers 1)auf.

Eigentlich naheliegend.

Wenn Gott unser himmlischer Vater ist, dann ist es das natürlichste von der Welt, wenn wir ihn nachahmen.

Und von ihm können wir uns nur Gutes abschauen. Da brauchen wir keine Bedenken zu haben, dass wir da irgendeine schlechte Angewohnheit aus Versehen übernehmen.

Und noch aus einem anderen Grund ist es für uns Menschen naheliegend Gott nachzuahmen. Es heißt ja, dass er uns zu seinem Ebenbild geschaffen hat. Wenn ein Haustier von einem Menschen etwas nachahmen soll, dann geht das nur begrenzt. Da sind dann doch schnell die Unterschiede zwischen Mensch und Tier zu groß, die Möglichkeiten eines Haustiers begrenzt.

Aber Gott hat uns als Menschen so geschaffen, dass wir ihn nachahmen können bis hin zu höchster Kreativität.

 Gott nachzuahmen ist, anders als bei geschützten Produktionsverfahren in der Wirtschaft, ausdrücklich erlaubt.

Es ist sogar sehr erwünscht.

 Die Frage ist jetzt nur: wie geht das, Gott nachahmen, wenn ich ihn doch anders als meine irdischen Eltern oder Lehrer nicht sehe ?

 Ja, wenn Gott sich uns nicht gezeigt hätte, dann wüssten wir nicht viel von ihm außer dass wir ahnen könnten, dass ein kreativer Schöpfer die Welt  und uns gemacht hat.

Aber Gott hat sich uns ja gezeigt.

Paulus setzt seinen Satz deshalb fort und schreibt:

Werdet Nachahmer Gottes als geliebte Kinder und lebt in der Liebe!

Gott hat sich uns als liebender Vater gezeigt.

Am deutlichsten hat er seine Liebe zu uns in Jesus gezeigt.

Jesus  hat uns Gott nicht nur in dem wunderbaren Gleichnis von dem Vater und den zwei Söhnen als den liebevollen und barmherzigen Vater beschrieben und uns hineingenommen in die vertrauensvolle Anrede „Abba, lieber Papa“, die wir Gott gegenüber verwenden dürfen.

Er hat vielmehr die Liebe Gottes selbst als Mensch vorgelebt.

An ihm, an Jesus können wir am genauesten und konkretesten sehen, wie Gott sich verhält und was wir nachahmen können.

 Deshalb ist dieser Satz von Paulus auch noch nicht zu Ende gewesen. Er geht noch weiter:

Werdet Nachahmer Gottes als geliebte Kinder und lebt in der Liebe wie auch Christus uns geliebt hat und hat sich selbst für uns gegeben als Gabe und Opfer, Gott  zu einem lieblichen Geruch!

 In Jesus sehen wir nicht nur, dass Gott sich selbst für uns ganz gegeben hat, alles für uns eingesetzt hat und so seine Liebe bewiesen hat.

Jesus ist gleichzeitig ein Vorbild für uns, wie wir als Menschen Gott nachahmen können.

Jesus war nicht umsonst als Lehrer nicht nur mit Frontalunterricht beschäftigt und hat weise Sprüche seinen Schülern diktiert und auswendig lernen lassen. Er hat sie an seinem ganzen Leben teilhaben lassen von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang und auch noch in der Nacht. Sie konnten alles von ihm abschauen.

Jesus konnte es sich nicht erlauben, dass seine Worte und sein Tun auseinanderfallen, das wäre sofort aufgefallen, er war transparent, authentisch, glaubwürdig, wahrhaftig in seinem Vorbild mit seinem ganzen Leben. Da gab es keine blinden Flecken, die man besser nicht nachahmen sollte.

So wie es bei menschlichen Vorbildern und Lehrern immer ist.

Da kann ich noch so große und leuchtende Vorbilder haben, ich werde auch dunkle Flecken bei ihnen entdecken, wenn ich sie Tag und Nacht beobachten könnte, sie ganz kennen würde und ohne rosa Brille ansehen würde. Viele sind da schon von ihren großen menschlichen Vorbildern am Ende enttäuscht worden im wahrsten Sinne des Wortes. Sie hatten sich getäuscht. Am Ende kam dann diese oder jene Schattenseite doch zum Vorschein.

Manchmal bis dahin, dass am Ende herauskam, dass dieser berühmte Lehrer oder Prediger, Frauen belästigt hat, Geld hinterzogen hat oder andere schwerwiegende Dinge zum Vorschein kamen.

Oder wie bei Martin Luther, der so ein großes nachahmenswertes Vorbild ist, aber in seiner Einstellung und Aussagen zu den Juden ein großen blinden Fleck hatte.

Jesus ist ganz und gar Licht. Er hat nicht Wasser gepredigt und Wein getrunken, er hat Wasser zu Wein verwandelt und den Menschen auf der Hochzeit den besten Wein gegönnt.

Auch das ein Zeichen, ein Beweis seiner Liebe.

 

Warum fällt es uns trotzdem manchmal schwer in dieser Liebe Gottes zu leben, Gott nachzuahmen, seine Liebe selber nachzuahmen und zu praktizieren ?

 Vielleicht manchmal, weil wir sie aus dem Auge verlieren.

Deshalb ist der Vers, der dem Sonntag „Okuli“ ( lateinisch Augen) seinen Namen gibt „Meine Augen sehen stets auf den Herrn.“ so wichtig.

 Wir wissen es in der Theorie, aber wenn wir nicht im Blickkontakt mit Jesus bleiben, ihn immer wieder anschauen, immer wieder Zeit mit ihm verbringen wie die Jünger damals, dann verlieren wir ihn schneller aus den Augen als wir manchmal denken.

 Und dann schauen wir auf einmal mehr auf das Vorbild anderer, vielleicht dann schlechte Vorbilder und denken uns irgendwann:

Wenn die sich verhalten und damit profitieren, wieso sollte ich das dann nicht auch mal versuchen.

Schlechte Vorbilder gibt es genug, wenn wir den Blick von Jesus zu lange abwenden. Schlechte Vorbilder, die uns dann mit der Zeit als normal vorkommen. Wenn es gesellschaftlich als normal angesehen wird, kann es doch gar nicht so schlecht sein.

Paulus nennt nach dem genannten Vers einige Lebensbereiche als Beispiele, in denen wir uns leicht von falschen Vorbildern beeinflussen lassen: Umgang mit Sexualität, mit Geld, mit Worten.

Jeder hat da seine individuellen Gefährdungen, wo er besonders leicht beeinflussbar ist von schlechten Vorbildern.

 

Der Mensch ist ein Gewohnheitstier. Schnell gewöhnen wir uns etwas an, aber auch schnell etwas ab.

Neulich hat mir jemand gesagt: „Nach 10 Wochen Lockdown, in denen ich nicht meiner geregelten Arbeit nachgehn konnte, bin ich völlig träge geworden.  Da habe ich mich selbst in meinen häuslichen Arbeiten gehen lassen. Jetzt kann ich nachempfinden wie es Arbeitslosen schnell geht. Wie schwer ist es, sich da nicht treiben zu lassen.“

 

Gott nachahmen, Jesus nachahmen, das geht allein durch den Blickkontakt nicht, nicht allein durch die Zeit, die ich mit ihm verbringe. Es geht auch darum, ihn wirklich nachzuahmen.

So wie Jesus seine Jünger dann auch mal  auf Praktikum geschickt hat, um auch das selber einzuüben, was er ihnen vorgemacht hatte.

So geht es auch bei uns darum, es einfach auch praktisch einzuüben.

 

Ein berühmter mittelalterlicher Mystiker Thomas von Kempen hat ein Andachtsbuch geschrieben, das zu seiner Zeit der absolute Bestseller war: Der Titel ist: Imitatio Christi, auf  deutsch: Nachahmung Christi.

Da gibt er praktische Tipps, wie ich es einüben kann, Jesus nachzufolgen, ihn nachzuahmen.

 

Blickkontakt, Einüben: beides ist wichtig und notwendig beim Nachahmen Gottes, beim Nachahmen der Liebe Jesu.

Und dennoch bleibt es eine Herausforderung, diese Liebe konsequent zu leben, denn dieser Weg, den Jesus gegangen ist, war am Ende ein Weg, auf dem er sich selbst aufgeopfert hat.

Aufopferungsvolle Liebe, Liebe, die sich ganz hingibt, sich ganz für andere einsetzt.

Diesen Weg kann ich nur gehen im Vertrauen darauf, dass Gottes Liebe mich trägt, und wenn ich mich ganz von Gott geliebt weiß.

Paulus selbst und viele andere nach ihm in den 2000 Jahren haben diesen Weg der Nachahmung Gottes gewagt und sind ihn oft bis zu dem Opfer ihres eigenen Lebens gegangen.

Auch bei uns kann es bedeuten, das eine oder andere Opfer zu bringen, wenn wir den Weg der Liebe Gottes gehen.

Bitten  wir Gott in dieser Passionszeit, dass er uns auch dann auf unserem Weg der Nachahmung bewahrt und wir uns nicht davon abbringen lassen.