Gott kommt es auf jeden einzelnen Menschen an

Es nahten sich ihm aber allerlei Zöllner und Sünder, um ihn zu hören.

Und die Pharisäer und Schriftgelehrten murrten und sprachen: Dieser nimmt die Sünder an und isst mit ihnen.

Er sagte aber zu ihnen dies Gleichnis und sprach:

Welcher Mensch ist unter euch, der hundert Schafe hat und, wenn er eins von ihnen verliert, nicht die neunundneunzig in der Wüste lässt und geht dem verlorenen nach, bis er's findet?

Und wenn er's gefunden hat, so legt er sich's auf die Schultern voller Freude.

Und wenn er heimkommt, ruft er seine Freunde und Nachbarn und spricht zu ihnen: Freut euch mit mir; denn ich habe mein Schaf gefunden, das verloren war.

Ich sage euch: So wird auch Freude im Himmel sein über einen Sünder, der Buße tut, mehr als über neunundneunzig Gerechte, die der Buße nicht bedürfen.

(Lukasevangelium Kapitel 15, Verse 1-7)

Das erste, was mich an diesem Gleichnis Jesu begeistert ist:

Gott kommt es auf jeden Einzelnen an.

Er sieht jeden von uns als einzigartig und unersetzlich an.

Auf keine von uns will er verzichten.

Er sorgt sich um jedes seiner Geschöpfe.

 

In unserer Zeit da zählt der Einzelne oft nichts.

Das ist auch die Gefahr, wenn in unserer Gesellschaft immer mehr alles nach Wirtschaftlichkeit und Effizienz bewertet wird.

Aber da, wo es um Menschen geht, sei es als Mitarbeiter oder als Menschen, die Fürsorge und Hilfe brauchen, da ist reines Wirtschaftlichkeitsdenken völlig unangemessen.

 

Der Hirte im Gleichnis handelt völlig unwirtschaftlich, wenn er so viel Zeit und Energie dafür einsetzt, das eine verlorene Schaf zu suchen. Ohne zu wissen, ob er es überhaupt findet.

Das zeigt, dass seine Schafe ihm nicht Mittel zum Zweck sind, sondern dass sie ihren Wert in sich haben.

So hat Gott uns Menschen geschaffen, nicht als Humankapital, das er zu seinen Zwecken gebrauchen will, sondern er hat jeden einzelnen mit einer einzigartigen Würde und Wert geschaffen. Auf keinen will er verzichten.

Gerade in der Kirche sollen wir deshalb nicht allein auf große Zahlen sehen, sondern auf den Einzelnen. Auch wenn ich den Hirten im Gleichnis schon beneide, dass er 99 von 100 Schafen noch hat und nur eines suchen muss. Bei uns kommt mir das fast umgekehrt vor vom Zahlenverhältnis.

Und doch will Gott auch heute bei uns jedem einzelnen nachgehen.

Er gibt keinen auf.

Geben wir nicht Menschen  oft zu leicht auf als hoffnungslose Fälle, unrettbar verloren, Hopfen und Malz verloren ?

Ein Prozent, das ist doch der ganz normale Schwund, das lässt sich nicht verhindern, dass manche hinten runter fallen.

Das ist doch nicht so tragisch, wir haben doch die 99 Prozent anderen.

Es ist eine große Errungenschaft unseres Sozialstaates, ein Einfluss des christlichen Menschenbildes, das wir viele staatliche Hilfen und Angebote haben, das niemand vergessen wird.

Es gelingt nicht immer, aber es wird auf jeden Fall nicht einfach hingenommen, dass Menschen für immer abgehängt werden.

 

Jesus kümmert sich gerade um die Abgehängten.

Bei ihm geht es aber nicht nur um die wirtschaftlich und sozial benachteiligten, sondern auch um die Starken, die denken, sie brauchen Gott nicht, um die, die sich verirrt haben in ihren Gedankengebäuden, die Extremisten, die Spinner, die Abzocker.

 Wer sind die Zöllner und Sünder eigentlich?

Ja, die Zöllner waren die Abzocker damals, die aus der Not anderer noch Kapital geschlagen haben. Es waren die gewissenlosen, die für ihren wirtschaftlichen Erfolg ihren Ellenbogen rücksichtslos eingesetzt haben.

Da fallen uns sicher heute auch die entsprechenden Beispiele ein.

Sehen wir auch sie als Menschen, die Gott sucht und retten will ?

 

Gott gibt keinen Menschen auf . Auch heute nicht. Dafür gibt es tausende Beispiele, viele unbekannte, aber auch einige Prominente, die das auch  in der Öffentlichkeit bekannt haben.

Einer von ihnen hat ein Buch geschrieben, wo er beschreibt, wie Gott ihn gefunden hat und wie er sein Leben geändert hat.

Auch er hatte wie damals mancher Zöllner zur Zeit Jesu sich gewissenlos bereichert und hatte dabei sogar die Grenze des Legalen überschritten.

 

Thomas Middelhoff gehörte zu bekanntesten deutschen Managern. Dann musste er ins Gefängnis, wurde krank und meldete Privatinsolvenz an. Heute spricht er über seine Schuld und sein Scheitern.

"Viel zu wenige Menschen haben die Kraft, sich das Scheitern einzugestehen.", sagt er.

Lange Zeit ist es für Middelhoff vor allem aufwärts gegangen - als Vorstandsvorsitzender von Bertelsmann, KarstadtQuelle und schließlich Arcandor. Er hat rund um die Uhr und über alle Zeitzonen hinweg gearbeitet, zwischen denen er mit dem Firmenjet hin und her reiste. "Ich habe keine Anzeichen von Erschöpfung gespürt“, sagt er.

 Aber dann hat ihn das Landgericht Essen zu einer Freiheitsstrafe von drei Jahren ohne Bewährung verurteilt – wegen Untreue und Steuerhinterziehung. Da aus Sicht des Gerichts Fluchtgefahr bestanden hat, ist Thomas Middelhoff noch im Gerichtssaal in Untersuchungshaft genommen worden. Es war ein Freitag.

 

"Danach kam der Samstag, ein schrecklicher Tag", erinnert sich Middelhoff. "Und dann kam der Sonntag. Und da hatte ich nur ein Bedürfnis: Ich will in die Kirche." Die Zeit in Haft hat Thomas Middelhoff genutzt, um zu sich und zu Gott zu finden

 Vore iniger Zeit hat er ein Buch über sein Scheitern geschrieben. Gleich im Vorwort macht er deutlich, dass es ihm ein An­liegen ist, einer jüngeren Generation die Erkenntnisse zu vermitteln, die zu seinem Schei­tern beigetragen haben, damit sie aus seinen Fehlern lernen kann.

Er bekennt, welche Fehler er gemacht hat, welche Stellen der Bibel ihm geholfen haben, wieder aufzustehen und was er und Arminia Bielefeld gemeinsam haben.

 Vor diesem Hintergrund entfaltet er vor uns eine Zeit vom Studium bis zu seiner Verhaftung. Unerbittlich zeigt er seine Entwicklung vom Studenten mit Prinzipien bis hin zum ar­roganten, überheblichen Topmanager auf. Es ist erschreckend zu lesen, wie mit zu­nehmendem beruflichen Erfolg ehemalige Überzeugungen ihren Wert verlieren und Anmaßung, Stolz, Überheblichkeit Raum nehmen sowie den Blick für Fallen und Gefahren vernebeln. Thomas Middelhoff ist ein Getriebener, der urplötzlich und unerwartet voll ausgebremst wird.

 Der Ex-Manager buchstabiert in seinem Buch „Schuldig“ schonungslos eine Reihe von Todsün­den durch, die nach seiner eigenen Einschätzung zum Scheitern beigetragen haben. Er hält nichts an Erkenntnis darüber zurück, wo er schuldig geworden ist. Deutlich beschreibt er den schwierigen Weg, überhaupt zur Einsicht zu kommen, eine Grundvoraussetzung, um zu einem zukunftsgerichteten Verarbeitungsprozess zu gelangen.

Geholfen hat ihm da­bei sein Einsatz in der Behinderteneinrichtung Bethel. Dort begegnet er Menschen, die wirklich benachteiligt, aber voller Dankbarkeit und Freude sind.

Doch er konstatiert auch: „Ohne den festen Glauben an einen lebendigen Gott und dessen Führung hätte ich den Weg aus der selbst verschuldeten desolaten Situation, in der ich mich im Gefängnis wiederfand, sicher nicht gefunden. Es bedurfte eines Eingriffs und einer großen ‚Korrektur von oben‘, um mich aus meinen Gewohnheiten zu lösen, mir die Augen zu öffnen und mich zur Umkehr zu bewegen.“

 

Immer wieder erleben Menschen, wie Gott sie findet Da gibt uns das Internet großartige positive Möglichkeiten.

Hunderte, tausende Berichte können wir heutzutage ganz leicht im Internet nachlesen oder auf Videos sehen. Zum Teil von sehr drastischen Beispielen, wo Menschen sehr tief in Schuld verstrickt waren, aber dann die Rettung durch Jesus erlebt haben.

 Sünder, sind in den Augen Jesu, in den Augen Gottes, aber nicht nur solche, die moralisch besonders schlecht sind, sondern Sünde meint in der Bibel einfach die fehlende Beziehung zu Gott. Das Verschlossensein gegenüber der Anrede Gottes, die Gleichgültigkeit ihm gegenüber und das Denken, Gott nicht nötig zu haben.

Auch da ist ein Umdenken, eine Umkehr nötig.

Auch solchen Menschen geht Jesus nach.

 

Wie können wir den Einzelnen nachgehen ?

Jesus erzählt dieses Gleichnis damals den Pharisäern  und Schriftgelehrten, weil diese sich aufgeregt hatten über Jesus, das er zu diesen Menschen hingegangen ist, bei Zöllnern und Sündern sich eingeladen hat.

Wir regen uns darüber vielleicht nicht auf, aber wir folgen noch zu wenig seinem Beispiel.

In seinem Auftrag sind wir als Einzelne und als Gemeinde aufgerufen, Menschen zu suchen, die ohne Gott unterwegs sind.

Es geht nicht darum, sie in die Kirche zu tragen, sondern dass sie umdenken, dass sie erkennen, dass sie ohne Gott verloren sind, dass sie ohne Gott auf dem falschen Weg sind.

In Norddeutschland heißen die Pfarrer auch Pastoren, auf Deutsch Hirten. Sie haben sozusagen die Aufgabe im Auftrag des Großen Hirten Jesus als kleine Unterhirten, Verlorenen nachzugehen.

Aber ein Pfarrer, ein Pastor allein kann das nicht schaffen.

Bei 1400 Gemeindegliedern kann ich nicht jedem einzelnen nachgehen, da sind auch alle anderen Gemeindeglieder gefragt, den persönlichen Kontakt untereinander zu halten und aufeinander achtzugeben, dass niemand abgehängt wird und verloren geht.

Nicht im Sinne einer Kontrolle oder Überwachung, sondern einer gegenseitigen Fürsorge.

In dem Reformprozess „Profil und Konzentration“ unserer Landeskirche, sollen Gemeinden ermutigt werden, kreative Wege zu den Menschen zu finden, sich aufzumachen, nicht zu warten, bis sie in die Kirche kommen oder ins Gemeindehaus, sondern wie Jesus zu ihnen hinzugehen, ihnen nachzugehen.

Die große Freude im Himmel

Das schönste in dem Gleichnis ist aber die große Freude, die hier alle erleben können.

Und ich kann das nur bestätigen.

Es gehört für mich zu den bewegendsten Momenten, wenn ich miterleben durfte, dass Menschen von Jesus gefunden wurden und umgekehrt sind.

So wie wenn bei einer Suchaktion im Gebirge von der Bergwacht, ein Vermisster lebend geborgen werden kann, um den man gezittert hat. Was für eine Freude !

Auch den Menschen selbst ist diese große Freude abzuspüren, wenn sie begeistert erzählen, dass Jesus sie gefunden hat.

Und die größte Freude ist die Freude im Himmel, die Freude Gottes selbst.

Denn sein größtes Herzensanliegen ist doch, dass alle Menschen sich retten lassen.